KAPITEL 1
1:14 Uhr
Ein lauter Schrei schreckt mich aus dem Schlaf.
Lea ist ebenfalls aufgewacht und flüstert verängstigt: „Was war das?“
Ich löse mich von ihr, stehe auf und schalte das Licht ein.
„HILFE!“
Der Schrei lässt mich zusammenzucken.
„War das Larissa?“, frage ich flüsternd.
„Ich glaube schon. Kannst du nachgucken?“
„Wieso ich?“
„Du bist der Mann!“
„NEIN!“
Erneut zucke ich zusammen und greife mir die Glasflasche vom Nachtschrank. Ich öffne vorsichtig die Tür und betrete den Flur.
„LASS MICH!“
Die Schreie kommen tatsächlich aus dem Gästezimmer, in dem Larissa schläft. Die Flasche in der Hand und bereit zuzuschlagen, öffne ich langsam die Tür. Ich blicke mich um, kann in der Dunkelheit aber kaum etwas erkennen.
„NEIN! HILFE!“
Larissa hat wohl einen Albtraum, denke ich.
Erleichtert setze ich mich auf ihre Bettkante. Ich fasse ihre Schulter.
In ruhigem Ton beginne ich zu sprechen.
„Alles G …“
„AUA!“, rufe ich und lasse die Flasche fallen.
Sie zerschellt mit einem lauten Knall auf dem Boden.
Fuck. Das tut weh.
Larissa hat mir voll auf die Nase geschlagen. Mir wird leicht schwindelig.
„Chris? Bist du das?“, fragt mich Larissa verschlafen.
„Ja. Aua … Fuck, tut das weh … Ich bin's.“
Das Licht geht an und Leas Stimme ertönt.
Ängstlich fragt sie: „Was ist passiert?“
„Meine Nase …“, stöhne ich und sehe, wie das Blut aufs Bett tropft.
„Ach du Scheiße. War ich das?“, fragt Larissa überrascht.
Sie hält sich die Hand vor den Mund.
„Larissa! Was hast du getan?“, ruft Lea vorwurfsvoll.
Ich versuche, ruhig zu bleiben und auch Lea zu beruhigen.
„Ganz ruhig. Ich glaube, Larissa hatte einen Albtraum. Ich wollte sie wecken und sie hat mir vor Schreck auf die Nase geschlagen.“
Verdammt, tut das weh.
Lea kommt auf mich zu.
„Kann ich irgendetwas tun?“
Ich blicke zu ihr auf.
„Du bist nackt, Lea.“
Lea schaut an sich herab und rennt aus dem Raum.
„Ich hol dir was zum Kühlen“, sagt Larissa und verlässt das Zimmer.
Diese Schmerzen … ruhig bleiben Chris … alles wird gut … Ich brauche Taschentücher, sonst blute ich das ganze Bett voll, denke ich, und versuche aufzustehen. Allerdings wird mir sofort wieder schwindelig, sodass ich mich schnell wieder hinsetzen muss.
Lea kommt angezogen zurück.
„Taschentuch“, sage ich.
„Moment.“
Erneut läuft sie aus dem Raum, kommt aber, verfolgt von Larissa, direkt wieder hinein. Larissa hat zwei Handtücher dabei. Eines davon hat sie nass gemacht und legt es mir in den Nacken.
„Kalt“, bringe ich hervor.
Das andere Handtuch hält sie mir unter die Nase. Sie schaut mich schuldbewusst an.
„Das tut mir so verdammt leid, Chris.“
Lea hat inzwischen einen Handfeger und ein Kehrblech in der Hand, um die Glasscherben zusammenzufegen.
„War ja keine Absicht von dir. Mir ist nur ein bisschen schwindelig.“
Sofort legt Lea das Kehrblech beiseite, setzt sich hinter mich und legt ihre Arme um mich.
„Kipp mir bloß nicht um. Soll ich den Rettungsdienst rufen?“
„Geht bestimmt gleich wieder.“
„Sicher? Oder soll ich dich lieber ins Krankenhaus fahren?“
„Schatz. Halt mich einfach fest. Es geht gleich wieder … tut nur ein bisschen weh.“
„Okay, kann ich sonst noch irgendetwas tun?“
Larissa setzt sich neben uns.
„Chris, ich wollte das wirklich nicht!“
„Weiß ich doch, Larissa. Mach dir keine Sorgen. Es war ein Unfall.“
Sie betrachtet meine Nase.
„Vielleicht sollten wir dich doch lieber ins Krankenhaus fahren, deine Nase sieht nicht gut aus.“
„Zeig mal, Schatz“, kommt von Lea und ich drehe meinen Kopf zu ihr.
Nachdem sie meine Nase erblickt hat, schluckt sie.
„Larissa hat recht. Larissa, kannst du ihn kurz festhalten? Dann hole ich die Autoschlüssel und Kleidung für ihn.“
„Ich bin nicht schwer verletzt. Ich kann alleine sitzen“, entgegne ich.
Beide Frauen ignorieren meine Aussage. Lea steht auf und verlässt den Raum. Larissa setzt sich hinter mich und hält mich an den Schultern fest. Nach kurzer Zeit kommt Lea mit meiner Hose und einer ihrer Trainingsjacken zurück. Ich ziehe mir die Hose an. Dabei merke ich, dass mir doch noch ziemlich schummerig ist.
„Kannst du fahren, Lea? Mir ist zu schwindelig.“
Lea nickt und hält mir die Jacke hin.
„Ich hab dir meine Trainingsjacke geholt. Hoffe die passt dir. Dann musst du dir kein Shirt über den Kopf ziehen.“
Ich probiere die Jacke und stelle fest, dass ich sie gerade so zubekomme. Dann versuche ich aufzustehen. Da mein Schwindel aber zu stark ist, um alleine zu laufen, frage ich Lea und Larissa, ob sie mich stützen können. Beide greifen mir unter die Arme. Langsam laufen wir aus der Wohnung. Auf der Treppe muss ich mich kurz setzen.
„Alles okay, Schatz?“, fragt Lea besorgt.
„Geht schon … musste nur kurz Pause machen“, antworte ich und stehe mit Hilfe der beiden vorsichtig wieder auf.
Am Auto angekommen, öffnet Lea mir die Tür. Larissa hilft mir beim Einsteigen. Ich halte mir das Handtuch dicht unter die Nase, um ja nicht mein Auto vollzubluten. Lea startet den Motor und fährt uns zum Krankenhaus.
Dort angekommen, öffnet sie meine Tür und hilft mir beim Aussteigen. Gestützt von Larissa und ihr laufe ich in die Notaufnahme. Wir melden uns an und werden gebeten zu warten. Deshalb setzen wir uns im Wartebereich auf eine Bank, und ich lehne mich an Leas Schulter. Meine Augen werden schwer. Ich schließe sie.
Durch ein Schütteln an meiner Schulter werde ich wach.
Lea schaut mich an.
„Schatz, du bist dran.“
Ich will aufstehen, aber meine Beine versagen. Ich lande auf dem Boden und kann mich gerade noch mit den Händen abfangen. Das Handtuch fällt herab und hinterlässt auf dem Boden einen roten Fleck. Ein Krankenpfleger kommt zügig mit einem Rollstuhl angelaufen.
„Schatzi, alles in Ordnung?“, fragt Lea.
Sie und Larissa schauen besorgt auf mich herab.
„Ja, meine Beine wollten nur nicht so, wie ich wollte.“
Der Pfleger hilft mir in den Rollstuhl und fährt mich in das Behandlungszimmer. Lea will mit hinein, wird von ihm aber aufgehalten.
„Sind Sie eine Angehörige?“
„Sie ist meine Verlobte. Bitte lassen Sie sie mitkommen“, erwidere ich, um jegliche Diskussion zu vermeiden.
„Ausnahmsweise“, murmelt der Pfleger.
Im Behandlungsraum wartet bereits ein Arzt auf mich. Er unterhält sich kurz mit mir und schaut sich dann meine Nase an.
„Das müssen wir röntgen“, meint er schließlich, erklärt Lea, wo das Zimmer dafür ist und fragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie mich alleine dorthin begleitet. Wir stimmen zu und Lea schiebt mich im Rollstuhl zum Röntgen. Das Bluten hat mittlerweile aufgehört.
Nach dem Röntgen werden wir zurück in den Wartebereich geschickt. Mein Blick geht zur Uhr an der Wand. Sie zeigt 2:31 Uhr. Larissa, die die gesamte Zeit hier gewartet hat, schaut uns an und möchte wissen, was bei der Behandlung rausgekommen ist.
„Na ja … meine Nase wurde geröntgt. Jetzt müssen wir auf das Ergebnis warten.“
„Geht es dir denn ein wenig besser?“, fragt sie besorgt.
„Meine Nase tut noch ziemlich weh, aber der Schwindel ist besser geworden und immerhin hat es aufgehört zu bluten.“
„Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen … ich backe dir einen Kuchen zur Entschuldigung“, verspricht Larissa.
„Das musst du nicht. Du hast mich doch nicht absichtlich geschlagen.“
Lea mischt sich ein: „Aber mir kannst du einen Kuchen backen!“
Als Larissa gerade antworten will, kommt der Pfleger angelaufen.
„Herr Shy, es geht weiter.“
Da ich mich wieder fit genug zum Laufen fühle, stehe ich auf und begleite ihn gemeinsam mit Lea in den Behandlungsraum.
„Sie haben Glück gehabt“, beginnt der Arzt. „Es ist nichts gebrochen. Von mir aus dürfen Sie nach Hause. Vorausgesetzt, die junge Dame passt die nächsten 24 Stunden auf Sie auf.“
Lea nickt.
„Ich passe gut auf meinen Schatz auf.“
„Möchten Sie noch etwas gegen die Schmerzen?“, fragt der Doktor.
„Ja, sehr gerne.“
Er schickt den Pfleger los, um die Schmerzmittel zu holen. Dann verabschiedet er sich von uns und wünscht mir eine „gute Besserung“. Ich bedanke mich und er verlässt den Raum. Während wir auf die Rückkehr des Pflegers warten, legt Lea ihren Arm um mich.
„Fall mir bloß nicht um, sonst lasse ich dich hier.“
Trotz meiner Schmerzen muss ich grinsen.
„Du bist ja sehr fürsorglich, mein Kuscheltier“, antworte ich ironisch.
„Ach, Schatz … du weißt doch, dass ich dich nie alleine lassen würde.“
„Ja, weiß ich“, erwidere ich lächelnd.
Der Pfleger kommt zurück und übergibt mir eine Packung Ibuprofen. Ich bedanke mich und gehe mit Lea zurück zum Wartebereich.
„Nichts gebrochen“, sage ich mit Blick zu Larissa.
Erleichtert atmet sie auf und umarmt mich vorsichtig.
Mir schießt durch den Kopf, wie es wohl vor ein paar Tagen für mich gewesen wäre, hier zu sein: Ich hätte wahrscheinlich nur gezittert und kein Wort herausbekommen. Vermutlich wäre ich irgendwann so panisch geworden, dass ich ohnmächtig umgekippt wäre. Ich habe keine Ahnung, warum ich plötzlich kaum noch Angst verspüre, aber mein Leben ist schöner, als ich es mir jemals hätte erträumen können. Es ist so unglaublich, dass ich es mir selbst nicht glauben würde. Ich habe plötzlich eine tolle, fürsorgliche und super heiße Freundin, deren große Schwester ich vor ihrem Arschloch-Freund beschützt habe und deren beste Freundin zwar immer noch ziemlich undurchsichtig für mich ist, die mir aber trotzdem irgendwie sympathisch vorkommt. Ich bin total übermüdet und meine Nase tut höllisch weh, aber trotzdem könnte ich vor Freude in die Luft springen – wenn mir nicht so schwindelig wäre.
Ich fange an zu grinsen und sage laut: „Das Leben ist toll!“
Lea und Larissa schauen mich verwundert an.
„Ich glaube, ihm hat es gerade eine Sicherung durchgehauen“, meint Lea lachend.
Larissa und ich müssen ebenfalls kichern. Wir laufen zum Auto und steigen ein. Lea fährt uns nach Hause. Die beiden entscheiden, dass sie das Bett im Gästezimmer auch später noch neu beziehen können.
„Keine Albträume mehr!“, ermahne ich Larissa scherzhaft.
Sie lächelt verlegen, wünscht uns eine gute Nacht und verschwindet im Gästezimmer. Lea drückt mich sanft ins Schlafzimmer. Ich ziehe Jacke sowie Hose aus und lege mich ins Bett.
Der Wecker verrät mir, dass es mittlerweile 3:46 Uhr ist.
Lea zieht sich zu meiner Überraschung komplett nackt aus und schlüpft zu mir ins Bett. Dann zieht sie mir die Boxershorts aus.
Sie schaut mir tief in die Augen und flüstert: „Gleichberechtigung.“
Nachdem sie das Licht ausgeschaltet hat, kuschelt sie sich von hinten an mich. Eine Hand legt sie auf meinen Brustkorb, die andere auf meinen Unterbauch, während sie ihren Körper an meinen Rücken presst.
„Gute Nacht, mein Kuscheltier. Danke, dass ich so eine tolle, einfühlsame und wunderschöne Freundin habe“, hauche ich.
„Für immer Deine!“, antwortet Lea und streichelt meinen Bauch.
Ich schließe die Augen und schlafe mit einem Lächeln im Gesicht ein.